Einen kurzen Moment muß sie überlegen, dann kommt die Antwort. "Wenn jemand auf "Manque" setzt, sind es die Zahlen 1 bis 18, bei "Passe" 19 bis 36", sagt Jessica Barke (35). Ein bißchen fremd wirkt sie noch an dem großen Roulette-Tisch im hohen Jugendstilsaal. Nein, leidenschaftlich zum Glücksspiel hingezogen fühlt die frisch bestallte Chefin der Spielbank Travemünde sich nicht.
"Ganz und gar nicht", sagt sie und lacht. "Meine Aufgabe ist die Administration." Das ist untertrieben: Die kühle Blonde soll das traditionsreiche Kasino retten. "Frischen Wind reinbringen", wie sie sagt.
Schon seit Jahren läuft das Haus an der Travemünder Ostseepromenade nicht mehr so, wie es sollte. Vor allem beim sogenannten Großen Spiel, also an den Spieltischen in der gepflegten Belle Étage des einstigen Kurhauses, gingen die Besucherzahlen deutlich zurück. Allein in den vergangenen zwei Jahren von 38 000 Gästen (2003) auf 32 000 (2005). Und obwohl die Umsätze an den gutfrequentierten Spielautomaten etwa zwei Drittel des Gesamtspielertrags ausmachen, sank auch dieser um knapp eine Million Euro: von 9,2 Millionen Euro (2003) auf 8,4 Millionen Euro (2005).
Nun soll, was die Männer nicht schafften, eine Frau richten. Die Zeit drängt, denn die Konzession läuft 2011 aus. Danach, so die Planung der Landesregierung, sollen auch private Firmen als Betreiber zugelassen werden. "Die Aufgabe ist eine Herausforderung", sagt Jessica Barke. In der traditionell konservativen Branche ist sie ein Ausnahmefall: Neben Travemünde ist nur in Bad Wiessee und Fechtwangen (beide Bayern) die Führung weiblich - bei insgesamt 80 staatlichen Spielbanken in Deutschland.
Die gelernte Schiffahrtskauffrau geriet durch ein Stellengesuch ins Spielbanken-Geschäft. "Ich hatte vorher nichts damit zu tun, nicht mal als Gast", sagt sie. Seit 1996 ist sie inzwischen bei der Spielbank SH GmbH, einer Tochter der HSH Nordbank und Betreiberin der fünf Spielbanken des Landes. "Ich habe mich vom Mädchen für alles hochgedient." Als Assistentin der Geschäftsführung des 230-Mitarbeiter-Betriebs war Barke auch für die Eröffnungen der Betriebe in Schenefeld bei Hamburg und Kiel mitverantwortlich. "Die Atmosphäre in einer Spielbank ist schon etwas ganz Besonders. Es ist dieser Kitzel aus Nachtleben und Glücksspiel", gibt sie zu. Einmal war die leidenschaftliche Leseratte, die in ihrer Freitzeit gern mit ihrem Lebenspartner an der Kieler Förde joggt, sogar in Las Vegas - berufsbedingt. "Das ist gigantisch", schwärmt sie.
Zusammen mit Andree Bannas (36), zuständig für den technischen Spielbetrieb, bastelt Jessica Barke zur Zeit an einem neuen Konzept für den Standort Travemünde mit 47 Mitarbeitern. Als ersten Schritt wurden bereits im November vergangenen Jahres die Öffnungszeiten eingeschränkt und der Eintrittspreis auf zwei Euro reduziert. Zudem wird das personalintensive Französische Roulette nicht mehr angeboten. Mit einer Service-Offensive und verändertem Veranstaltungskonzept will Barke Gäste zurückgewinnen und neue in das ehemalige Vorzeige-Kasino holen.
"Wir wollen niveauvolle Abendunterhaltung anbieten, Livemusik, Champagner-Verkostungen oder auch Kosmetikvorführungen." Den richtigen Weg zu finden ist ein Balanceakt. Das weiß auch die neue Chefin, die übrigens gern mal pokert. Immer häufiger ist sie deshalb abends im Roulette-Saal zu sehen. Sie spielt nicht, aber sie setzt auf Sieg.


